Vortrag

am

01. und 29.10.2021

Johann Ludwig Christ (*1739 – †1813)

Zwei Vorträge zum Leben und Wirken des ehemaligen Rodheimer Pfarrers am 1. und 29. Oktober 2021

Johann Ludwig Christ – 10 Jahre Pfarrer in Rodheim

Vortrag von Joachim Beuck am 1. Oktober 2021

Er ist den Rodheimer Bürgerinnen und Bürgern weniger präsent, als beispielsweise in Kronberg im Taunus, wo er nach seiner Rodheimer Zeit tätig war. Johann Ludwig Christ, lutherischer Pfarrer in Rodheim von Weihnachten 1776 bis 1786 war eine Koryphäe seiner Zeit, der neben seinem Pfarrberuf zahlreiche oft mehrfach aufgelegte Schriften verfasste, die zum Teil noch lange über seine Lebenszeit hinaus als Standardwerke galten. Als Naturforscher galten seine Interessen dem Obstbau, der Bienenzucht, der Viehzucht allgemein und dem Ackerbau. Immer im Blick hatte er dabei die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln durch Optimierung von Anbau, Verarbeitung und Haltbarmachung und somit die Verbesserung der Lebenssituation der Menschen.

Mindestens neun Fachbücher und Schriften entstanden in seiner Rodheimer Zeit, darunter eine „für jeden Landmann deutliche Anweisung zu dem erträglichen Tabaksanbau“. Die Entwicklung von Magazinhäusern für die Bienenzucht – weg von den bis dahin üblichen Stroh-Bienenkörben – und das Konzept für einen Dörrofen fallen in die Kronberger Zeit des „Pomologen“.

Nicht zuletzt betätigte er sich als Kirchenbaumeister, wozu ihn seine langjährigen mathematischen, geometrischen und zeichnerischen Studien befähigten, so gehen die Kirchen in Berkersheim, die 1766 erbaut wurde, sowie die 1884/85 errichtete Kirche in Harreshausen, beides Kirchen in der Grafschaft Hanau, auf seine Pläne zurück.

Geboren wurde Johann Ludwig Christ am 18. Oktober 1739 in Öhringen, besuchte in  Heilbronn das Gymnasium, nahm ab 1758 das Theologie-Studium in Tübingen und Altdorf auf. Er hatte ab 1764 die Pfarrstelle in Bergen inne (heute Bergen-Enkheim), wechselte 1767 nach Rüdigheim bei Hanau und von dort nach Rodheim. Zwei Mal verheiratet, musste er seine beiden Frauen zu Grabe tragen. Von seinen 6 Kindern erlebte nur die einzige Tochter das Erwachsenenalter.

Er starb 1813 in Kronberg.

Joachim Beucks intensiven Recherchen, u.a. in den Archiven der universitären Ausbildungsstätten, ist es zu verdanken, dass die Bedeutung des vormaligen Rodheimer Pfarrers allen Zuhörern bewusst wurde.

Sommer 1783 – Pfarrer Christ und der „Höherauch“ über Rodheim

Dr. Karsten Brunk berichtete über den Rodheimer Chronisten einer Naturkatastrophe.

Die Ausführungen von Joachim Beuck am 1. Oktober 2021 im Rodheimer Bürgerhaus hatten uns bereits mit dem Leben und Wirken sowie den wissenschaftlichen Interessen von Johann Ludwig Christ, der von 1776 bis 1786 in Rodheim lutherischer Pfarrer war, vertraut gemacht. Am 29. Oktober konnte Dr. Karsten Brunk hierauf aufbauen und darlegen, was es mit dem von Christ beschriebenen „Höherauch“ im Jahr 1783 auf sich hatte.

Eine Einstimmung in das Denken und die Vorstellungen des 18. Jahrhunderts gaben mehrere Schriften, die Christ verfasst hatte. Auch Luftverschmutzungen waren keineswegs unbekannt und waren von ihm als „ordentlicher Höherauch“ beschrieben worden. Meist waren diese Trübungen auf gezielt angelegte Torffeuer in Norddeutschland und den Niederlanden zurückzuführen, deren Aschepartikel sich großräumig ausbreiteten und einen schleierartigen Dunst vor das Sonnenlicht legten.

Anders im Sommer 1783. Bereits am 11. Juli 1783 begann Christ mit der Niederschrift eines noch im gleichen Jahr gedruckten Artikels mit dem Titel „Von der außerordentlichen Witterung des Jahres 1783 in Ansehung des anhaltenden und heftigen Höherauchs…“. Darin legte er seine Sichtweise über die Entstehung dieses vom Bekannten abweichenden atmosphärischen Phänomens dar – zutreffend und als einer der ersten Chronisten in Europa überhaupt.

Was war geschehen? Am 8. Juni 1783 hatte sich in Island eine Vulkanspalte aufgetan, die Laki-Kraterreihe. Damit verbunden war eine der größten Eruptionen der neueren Zeit mit einem extremen Ausstoß von Lava und Aschewolken, letztere bis in die Stratosphäre gelangend, in der sie v.a. nach Westeuropa getragen wurden und eine Verdunkelung der Atmosphäre verursachten. Die Eruptionen dauerten bis zum Februar 1784 an. Man schätzt, dass durch die unmittelbaren Folgen, die Missernten und das Viehsterben etwa eine Viertelmillion Menschen ums Leben gekommen sind.

Der Winter 1783/84 zeigte auch bei uns extrem tiefe Temperaturen, dem zahlreiche Hochwasserkatastrophen durch Schmelzwasser (Eishochwasser) im Frühjahr folgten. Höchste Wasserstandsmarken in flussnahen Städten zeugen davon.

Karsten Brunk als Geograph konnte dem Publikum die Materie spannend darlegen und die überregionale Bedeutung des Rodheimer Pfarrers Johann Ludwig Christ wurde Allen ein weiteres Mal bewusst.