Archiv 2009

Vortrag

am

18.09.2009

Hanauisch-Indien – Weshalb Rodheim 1669 verpfändet wurde

Vortrag von Gabriele Marcussen-Gwiazda vom 18.09.2009

 „Im Zuge der heftig geführten Globalisierungsdebatte und der damit zusammenhängenden sogenannten Finanzkrise gerät der Versuch des Grafen Casimir von Hanau-Lichtenberg (1623 – 1685) im Nordosten Südamerikas eine Kolonie ‚Hanauisch-Indien‘ zu gründen in einen tagesaktuellen Zusammenhang.“ So begann Gabriele Marcussen-Gwiazda, Wirtschaftshistorikerin aus Rüsselsheim, das Interesse der zahlreich erschienenen Zuhörer an der Tatsache zu wecken, dass Rodheim im Jahr 1669 verpfändet wurde.

 Friedrich Casimir, geboren 1623, übernahm 1641 – noch minderjährig und zunächst unter Vormundschaft  –  die Regierung über die Grafschaft Hanau-Lichtenberg und erbte ein Jahr später die Grafschaft Hanau-Münzenberg dazu. Die finanzielle Situation der Grafschaft nach dem 30-jährigen Krieg war jedoch außerordentlich schwierig, und Graf Casimir nicht mit ausreichendem Gespür für nachhaltiges Wirtschaften ausgestattet. Zur Finanzierung seines Konsums mussten immer wieder Güter veräußert werden. 

Als schwache Persönlichkeit, umgeben von den falschen Beratern, wird er zum Spielball und Werkzeug der Eigeninteressen seines Umfeldes. Casimir hatte bereits „seinen Untertanen durch philosophisches Spintisieren und Verschwendung missfallen“. So war es ein Leichtes seine Begeisterung für ein überseeisches Kolonial-Projekt Hanauisch-Indien als größtes seiner Luftschlösser zu entfachen. Die Referentin stellt die Berater vor: u. a. Bengt Skytte, ein aus schwedischen Diensten entlassener Reichsrat, und Johann Joachim Becher, eine nicht unumstrittene Persönlichkeit, Vielfachgelehrter und Visionär, der nach eigenen Aussagen viel ‚probirt, laborirt und speculirt‘ hatte, und als einer der ersten und wichtigsten Theoretiker des Merkantilismus gilt, spätestens seit Erscheinen seines Hauptwerkes ‚Politischer Diskurs‘.

Quelle: Wikipedia

Becher hatte von der Holländisch-Westindischen Compagnie (WIC) einen Landstrich gekauft, am Orinoco gelegen an der Nordküste Südamerikas, den es nun galt, an den Grafen zu bringen, immerhin 3000 Quadratmeilen. Ganze 44 Quadratmeilen umfasste damals die Grafschaft Hanau! Allein was fehlte, war das nötige Geld. So verpfändete Friedrich Casimir das Amt Rodheim an den Landgrafen Georg Christian von Homburg. Um seine finanziell desaströse Situation zu verbessern dachte er sogar daran, die Grafschaft Hanau-Lichtenberg an den Herzog von Lothringen zu veräußern und – lutherischen Glaubens – zum Katholizismus überzutreten, um sich von katholischer Seite Unterstützung zu sichern. 

Seine Verwandten setzten dem Treiben des Grafen ein unrühmliches Ende. Sein Bruder Johann Philipp putschte im November 1669 während Casimirs Abwesenheit, das nachfolgende Notstandsregime währte jedoch nur 3 Tage. Letztlich erhielten die Vormünder seiner Neffen, die für seine Nachfolge vorgesehen waren, eine Mitregentschaft und ein Vetorecht gegen die Entscheidungen des Grafen Friedrich Casimir. Sichtbares Zeugnis dieses Kolonialprojektes ist nur noch ein Gemälde von David von Welcker, das heute in der Kunsthalle in Karlsruhe hängt.

Johann David Welcker: Allegorie auf die Erwerbung von Surinam durch den Grafen Friedrich Kasimir von Hanau 1669. (1676) Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Inv.-Nr. 1164. Quelle: Wikipedia

Es gelang der Referentin, die vielfachen Verflechtungen um den Grafen zu erschließen, ein lebendiges Bild der Beteiligten zu zeichnen, kaufmännische Grundtugenden und handelspraktische Erfahrungen an Bechers und Casimirs Unvermögen zu spiegeln, und Staunen über die kurzzeitige Weitergabe von Nachrichten in bestimmten Kreisen, auch über weiter Entfernungen, zu erzeugen – lange vor unserer multimedialen Zeit.

Exkursion/Führung

am

16.05.2009

Historisches Limburg und romantisches Lahntal

Bus-Exkursion am 16. Mai 2009

Welch ein Glück, als nach langen Regentagen am vergangenen Samstag schon beim Aufstehen die Sonne ins Fenster lachte. Schließlich hatten an diesem Tag 23 Mitglieder und Freunde des Rodheimer Geschichts- und Heimatvereins ihre alljährliche Vereinsexkursion geplant. Limburg und das Lahntal sollten dieses Mal das Ziel sein, eine überaus geschichtsträchtige Stadt in der ehemaligen Grafschaft Nassau deren Dom so markant über der Lahn thront.

Von Fahrer Johann sicher durch den schönen Taunus gebracht, war man bereits kurz nach 9 Uhr in Limburg an der Lahn angekommen. Nach kurzem Empfang durch den Stadtführer ging’s als Erstes –des schönen Ausblicks wegen – auf das Parkdeck eines Kaufhauses. Mit der prachtvollen Domkulisse im Blick entführte der Historiker Herr Morlang, ehemals Lehrer in Limburg, seine Zuhörer in die Geschichte von Stadt und Dom. An der alten Handelsstraße Flandern-Byzanz gelegen, kam Limburg schon früh zu Wohlstand, der sich noch heute an den alten Stein- und Fachwerkhäusern der Altstadt ablesen lässt. Limburg ist von Kriegsschäden verschont geblieben.

Ein Exkurs in den Stammbaum der älteren Konradiner führt zu Graf Konrad, genannt Kurzbold, dessen Epitaph im Dom zu besichtigen ist. Konrad Kurzbold, ein Weggefährte Ottos des Großen, gründet, urkundlich belegt, im Jahr 909/910 n. Chr. das St. Georgstift und gilt als Erbauer der ersten Kirche auf dem Limburger Felsen. Die Grundrisse dieser ersten Kirche fördern Ausgrabungen in den Jahren 1975 bis 1977 zutage. Die Baugeschichte des Domes zu seiner heutigen Form beginnt wahrscheinlich um 1190 n. Chr., in mehreren Bauphasen erhält das ursprünglich spätromanische Bauwerk seine französisch-frühgotische Prägung.

Runter vom Dach und rein in die Altstadt: Lehrer Morlang malt mit seinen Erzählungen ein Bild des mittelalterlichen Limburg. Es geht vorbei an der Grabengasse, durch die Plötze zum Fischmarkt, entlang der Nonnenmauer zum Kornmarkt, ein Blick in die Fleischgasse, weiter durch die Barfüßergasse: bezaubernde Eindrücke tun sich auf. Jedes Haus hat seine Geschichte und um beinahe jedes ranken sich Geschichten.

Nach steilem Aufstieg zum Dom, dessen äußere Vielfarbigkeit Originalbefunden entspricht, werden die Rodheimer Geschichtsfreunde vom Domschweizer Wagner empfangen. Einem „Hausmeister beim lieben Gott“, wie die Kölner Journalistin Gudrun Schmidt diese einmal genannt hat.

Ruhe und Harmonie des Raumes sind der erste Eindruck im Inneren. Über 4 Stockwerke erstreckt sich die Höhe, klar gegliedert durch nach oben filigraner werdende Arkaden, die Decken wie Baldachine, der Vierungsturm im Zentrum von Längs- und Seitenschiffen mit einer lichten Höhe von 34 m. Über schmale im Mauerwerk eingelassene Treppen erreicht man den Laufgang im1. Stock. Aus den Arkadenfenstern ergibt sich ein grandioser Blick in das Innere der Kirche und man ist ganz nah bei den zarten Originalfresken, die im Rahmen der Dom-Restaurierung freigelegt und gerettet werden konnten.

Nach einem guten Mittagessen geht es zum Schiffsanleger und mit der „Wappen von Limburg“ in gemütlicher Fahrt auf der Lahn durch herrliche Naturlandschaften nach Balduinstein im unteren Lahntal. Und dort ist bei Kaffee und Kuchen der Blick auf die Burgruine Balduinstein und die märchenhaft emporragende Schaumburg noch mal so schön!

Ein gelungener Ausflug in Geschichte und Gegenwart!

Vortrag

am

27.3.2009

Die Eisenzeit in der Wetterau

Vortrag von Dr. Holger Baitinger am Freitag, 27.3.2009

Allgemein

am

24.01.2009

Rodheimer Gemeindearchiv auf dem Weg in den Computer

Rodheimer Geschichts- und Heimatverein (RGHV) sortiert historisches Archivgut für die digitale Erfassung

Seit November 2008 herrscht Samstag morgens eifrige Betriebsamkeit im Rodheimer „Faselstall“ hinter dem Alten Rathaus. Dr. Karsten Brunk, Vorsitzender des RGHV, und sechs weitere ehrenamtliche Helfer sichten hier alte Akten, notieren deren Inhalte und versuchen, die unendlich vielen Aktenmeter mit einer Systematik zu versehen. Ziel ist es, die in Originalakten dokumentierte Rodheimer Geschichte von 1583 bis zur Gemeindereform 1972 chronologisch und thematisch aufzulisten, um sie für eine Erfassung per Computer aufzubereiten. 

Dieter Mehring hat sich ein Aktenbündel vorgenommen, das die Haushaltspläne von 1828 bis 1837 enthalten soll. „Nanu, was ist denn das?“, fragt er erstaunt. Eine Rückstandsliste zu Holzlieferungen aus dem Jahr 1934 hat sich dazwischen geschmuggelt. Außerdem Testaments- und Hypothekenangelegenheiten, eine Versteigerungssache und Gerichtsbescheide von 1850. „Es kommt häufig vor, dass Vorgänge nicht dort abgelegt wurden, wo sie unserer Meinung nach hingehören“, sagt der Ehrenamtliche. „Seht mal, was ich hier gefunden habe“, ruft in diesem Moment Doris Fischer von einer der hinteren Regal-Ecken. Es ist ein Flurbuch vom Hofgut Beinhards mit Notizen aus dem Jahr 1811. Eigentlich hatte sie nach Unterlagen zu ihrem Spezialgebiet gesucht – die jüdische Bevölkerung in Rodheim einerseits und die Zeit der Duelle andererseits. Nun strahlen Mehrings Augen. „Der Beinhardshof ist die letzte adlige Besitzung in unserer direkten Nachbarschaft. Von den Unterlagen über das Adelsgeschlecht können wir vieles zur Rodheimer Geschichte ableiten“, erklärt er. Die Gruppe ist froh darüber, Mehring mit dabei zu haben. „Er kann all die alten Schriften lesen, das ist für uns sehr wertvoll“, sagt Ute Veit, die sich der Entschlüsselung von Bauakten angenommen hat.

Bilder: Das Flurbuch vom Beinhardshof ist für Karsten Brunk, Dieter Mehring und die Diplom-Archivarin Christiane Kleemann ein besonders wertvoller Fund. Da wird das Blättern in den Haushaltsplänen gern einmal kurz unterbrochen (Bild links). In Samt gehüllt, doch nur eine Kopie ist diese alten Siegel-Urkunde aus Rodheims Archiv, die Karsten Brunk, Doris Fischer, Joachim Beuck und Dieter Mehring hier zeigen (Bild rechts).

Jeder hat hier seinen Bereich, in dem er sich besonders gut auskennt. Joachim Beuck beschäftigt sich mit dem Thema Zeit und Kirchturmuhren, Karsten Brunk widmet sich den historischen Flurkarten und Gemarkungsgrenzen, und Margot Mehring hält die Kasse zusammen oder sorgt für das leibliche Wohl des Teams. „Wir sind eine schöne Einheit“, freut sich Ute Veit. Durch die gegenseitige Hilfe sei es möglich, auch komplizierte Themen voranzubringen. Etwa 30 Prozent der Unterlagen sind bereits gesichtet und – mit einer Inhaltsübersicht versehen – in die Regale zurückgelegt worden. „Zunächst einmal wird nichts in den Aktenbündeln verändert“, erklärt Christiane Kleemann. Die Diplom-Archivarin kommt alle zwei bis drei Wochen dazu, um Rat und Hilfe bei der Erfassung des Materials zu bieten. „Für Archive gibt es eine spezielle Computer-Software, die wir als Grundlage für unsere Arbeit in Rodheim verwenden können“. Seit Mitte Januar steht dafür ein PC-Arbeitsplatz in der neuen Geschäftsstelle des Geschichts- und Heimatvereins zur Verfügung, auf dem die Daten erfasst werden. „Hier lagert eine Fülle von Schätzen, die wir uns erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen“, sagt Karsten Brunk. 

Er erinnert daran, dass mit diesen Schätzen nicht immer so sorgsam umgegangen wurde, wie sie es verdient hätten. „Nach dem Zusammenschluss von Rodheim mit Ober- und Niederrosbach 1972 wurde das Rodheimer Archiv auf offenen Anhängern nach Rosbach gekarrt“, erinnert sich Doris Fischer. Mehrfach sei es umgelagert worden, „nicht immer sachgerecht“. Im ehemaligen Bauhof in Ober-Rosbach, von wo die Rodheimer sich ihre Geschichte 1985 in Privat-PKWs zurückholten, wären Vögel und Mäuse durch die zerbrochenen Fensterscheiben ein- und ausgegangen. Angenagte Aktenordner und unliebsame Hinterlassenschaften der ungebetenen Gäste wären die Folge gewesen. Einige Unterlagen habe man inzwischen mit hohem Kostenaufwand restaurieren können, aber erst, wenn „die Entdeckungsreise im Archiv“ beendet sei, kenne man den wahren Umfang der erforderlichen Maßnahmen. 

Joachim Beuck geht zum Regal, in dem die Bürgermeister-Rechnungen fein säuberlich aufgereiht sind. „Das sind die einzigen Akten, die gut sortiert sind, und die uns deshalb eine große Hilfe sind“, sagt er. In der Hand hält er das älteste vorhandene Dokument, eine Original-Rechnung aus dem Jahr 1583. „Anhand solcher Daten können wir die Rodheimer Geschichte wunderbar nachverfolgen“, erläutert Karsten Brunk. Wann immer ein Handwerker für irgendeine Leistung zu entlohnen war, wurde das hier vermerkt. Uhren-Spezialist Beuck ergänzt schmunzelnd: „Die Kirchturmuhr wäre vermutlich kaum erwähnt worden, wenn sie nicht hin und wieder kaputt gegangen wäre“. Und Brunk, der Flurkarten-Fachmann, sucht nach Rechnungen, in denen ein Geometer für die Erstellung einer neuen Flurkarte bezahlt wurde. „Eine neue Flurkarte bedeutet meist, dass ein Streit um den Grenzverlauf vorangegangen war“. Mit solchen Verknüpfungen arbeiten die Rodheimer Historiker sich Schritt für Schritt durch ihre Geschichte hindurch. „Eine Tages werde ich einfach in den Datenbestand hineingreifen und auf Anhieb finden, was ich suche“, hofft der Vereinschef. Noch ist es bis dorthin aber ein weiter Weg. (E. Halaczinsky).